Sadya Bairou's Werke.

 

Die Künstlerin Sadiya Bairou hat sich früh den Abenteuern der profunden Kunst im Hinblick auf die verschiedensten, neuen und alten Materialien verschrieben.

Ihre Malerarbeiten zeugen von einem hohen ästhetischen Genuß, der sich sowohl in der Wahl der Farben als auch in der geometrischen und unendlichen Bewegung werks immanent ausdrückt.

Man kann ja gar von einer "inneren Geometrie" sprechen, von einer imaginären und verträumten . Welt, die die flüchtigen Momente des Geistes und der "Empfindung anzudeuten sucht.

Auf diese Weise verführt uns die Künstlerin Bairou in eine andere Welt; in die Welt der Andeutungen, offenen Symbolik und jede nur erdenkliche Vorahnung. Seit ihrer ersten Vemissage im Jahre 1984 nimmt die Künstlerin Bairou die Malerei als ein Instrument, eine Vision, ein fest abgesteckter Rahmen und eine Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks wahr, der einen gemeinsamen Nenner menschlichen Daseins offenbart.

Die Innenschau .

Die Begabung dieser Künstlerin besteht darin, all das, was mit dem Originalen, dem Ehrlichen und Unabhängigen zu tun hat, in Einklang mit dem Allgemeinen zunächst und anschließend mit dem Besonderen in der Kunst und im richtigen Leben zu bringen. Sie ist auch nicht willens zwischen ihrem künstlerischen Anspruch und ihrem persönlichen Erleben, sowohl in kultureller wie in geschichtlicher Hinsicht, zu trennen.

Jeder Betrachter wird feststellen müssen, dass diese Künstlerin, die eine Vorliebe für das Alte und Altehrwürdige hat, dennoch eine Befreiung vom engen Korsett der vereinheitlichten Kunst, von den Denkmustern und der Versklavung der Phantasie anstrebt. Sie möchte sich frei fühlen, wenn sie in sich hineinsieht; sie möchte ihre Sinne für ihr Umfeld schärfen. Nur so könnte man sie besser verstehen, wenn man ihre Bilder, die sich der "Formlosigkeit" und "Symbolik" verschrieben haben, betrachtet.

Sicher kann die Künstlerin Bairou aus dem Vollen schöpfen, indem sie ihre zahlreichen Erfahrungen, lokal wie international, in ihre Bilder einfließen lässt; denn manche Eingebungen geben einem schon das Gefühl, dass er gerade eine Reise antritt, wenn nicht die größte Reise.

Sobald die Künstlerin ein Bild vollendet hat, muß sie das Gefuhl haben, wieder in den Schoß der Gesellschaft zu gelangen, nachdem sie die Traumwelt verlassen hat. Diese Innenschau, ja Reise ins Innere, ist nur dank einer reichen Begabung und einem tief empfundenen und realnahen Dasein möglich, das außerhalb von Raum und Zeit zu existieren scheint. Kann man in diesem Fall von Optimismus sprechen oder besser von Pessimismus? Ist dies eine gewollte

Konfrontation mit dem Nichts oder eine gelebte Realität? Ist dies nicht eine kontemplative Schau des Daseins, wenn nicht ein Traum, dem man erlegen ist? Ist dies nicht ein immerwährender Traum, der sich selbst in all seinen Facetten, Formen und Symbolen reproduziert? Ist nicht die Kunst jener Traum, der in der Lage ist, uns das menschliche Dasein vor Augen zu fuhren?

Verfolgen nicht etwa der Traum und die Realität gemeinsame Ziele? Sagte nicht einmal Proust: "Der Mensch sollte lieber sein Leben träumen, anstatt es leben". Die Kunstwerke Bairous zeugen von einer ungeheuerlichen Energieleistung, die ihren Niederschlag in einem stillen und geheimen Widerstand findet, der sich gegen wohlfeile Deutungen und billige Motivensuche stemmt. Die künstlerische Begabung soll Zeit und Raum in ihren Gemälden beherrschen. Ihre Kunst wird ohnehin eher von geometrischen Formen beherrscht, die eine gewisse Leichtigkeit und ein beharrliches Festhalten an Formen, Fügungen uns! Deutungen zum Ausdruck bringt, die ihrerseits keine schnellen Rückschlüsse oder flüchtigen Betrachtungen zulassen.

Die Künstlerin ist von ihrer zur Freiheit und zur Unabhängigkeit verpflichtenden Kunst überzeugt. Deshalb hat sie sich für ein offenes Atelier in der Nähe von Essaouira entschieden, um dort ihr kreatives Potential zur Entfaltung zu bringen, ihre Innenschau zu vervollkommnen und die richtigen Fragen zu stellen. Die Zusammenfassung dieser Ergebnisse findet ihren

Niederschlag in der frappierenden Fremdheit der Formen, Zusammensetzungen und der besonderen Ausgestaltung, die uns diese dichterischen und alten Formen vermitteln. Dies ist ein bleibendes und zeitloses Zeugnis für die menschliche Daseinsberechtigung, die einem ewigen Mahnmal gleichkommt.

Die Kunstwerke Bairous weisen eine äußerst große Ausstrahlungskraft und zauberhafte Kunstfertigkeit auf; eine Art Zauber, der sich gegen jegliche Interpretation sperrt. Daher ist es notwendig, das Losungswort "Traumgeschichte" durch "die Geschichte des Unbewussten" zu ersetzen. Denn der Geist scheint nicht in der Lage zu sein, dies zu erkennen, obwohl das reale Leben ohne "die Geschichte des Unbewussten" kaum nachzuvollziehen wäre. Dies bleibt jedoch etwas Vage, unwahrscheinlich und ungewiß...

Da die Künstlerin bestrebt ist, dem Unbekannten Leben einzuhauchen und das zu beschreiben, was sonst nicht zu beschreiben wäre, geht sie nun von der Prämisse aus, dass gerade das Unmögliche am erstrebenswertesten und am ehrlichsten ist. Denn in diesem Reich herrscht die Königin der Einbildungskraft und völlige Freiheit, losgelöst von jeglicher Bedingung. Die Kreativität besteht für diese Künstlerin in der abenteuerlichen Suche nach dem Unbekannten, Unversuchten und Ungewöhnlichen. Es ist und bleibt ein Abenteuer, das die Ziellosigkeit zum

Ziel hat und in ein betörendes Unmögliche eingeht. Sowohl der Geist wie das Gefühl gehen somit eine harmonische Ehe ein.

Die inneren Notwendigkeiten

Wenn man die Bilder und die darin zum Ausdruck gebrachten Phantasievorstellungen der Künstlerin Bairou betrachtet, wird man leicht an die Worte "Kaulordj" (???) erinnert: "die Aussetzung des Nicht-Glauben- Wollens". Die durch den Geist und die Intuition entstandenen Arbeiten bilden den Kern der realisierten Gemälde, unabhängig von irgendeiner vorgefassten Lieberei oder irgendeinem im Vorfeld geäußerten Urteil, einer starren oder ignoranten Haltung oder stagnierenden Phantasie.

Um die Arbeiten der Künstlerin besser zu verstehen, ist es notwendig, die nicht enden wollende Interferenz zwischen der Wahrheit und der Phantasie, dem Denken und der Intuition zu erkennen. Ihre Kunstwerke leiten ihre Daseinsberechtigung aus den Abenteuern und dem Vagen ab, so wie es Alfred North (???) zu sagen pflegte: "Das Abenteuer allein garantiert die Dynamik des Denkens... Im Abenteuer allein findet sich die Dynamik des Geistes wieder". Was die Künstlerin Bairou dem Betrachter anbietet, ist nichts anderes als die inneren Notwendigkeiten, sprich die Notwendigkeiten des Geistes und der Seele; hätte Bairou nicht gemalt, so hätte sie bestimmt auf bloßen Wänden geschrieben, um ihre Träume und ihre hoch ästhetischen Visionen Realität werden zu lassen. Bairou vermeidet all das, was mit dem Gekünstelten oder dem geistig Vertrackten zu tun haben könnte; sie konzentriert sich eher auf die kleinen Dinge, ohne sie zu verkomplizieren oder uimatürlich erscheinen zu lassen. Häufig hat man den Eindruck, dass uns die Künstlerin eine Botschaft übermitteln möchte, indem sie uns sagt: "Was wir von unserem Dasein erhoffen, ist ein Mehr an Bewußwerdung hinsichtlich des unerschöpflichen Potentials, das wir im Geiste und im Rahmen unseres recht weiten Lebens in uns tragen". Sind etwa die Arbeiten von Bairou nicht eine Art Referenz des Lebens, die nicht austauschbar ist? Durch die Arbeiten von Bairou entdecken wir die wahren Deutungen für die Bewunderung, den Versuch, die Kreativität, die Schönheit, die Liebe, die Form, den Traum, die Tiefe und schließlich das Dynamische der Bewegung.

Während meines Gespräch mit der Künstlerin Bairou konnte ich mich davon überzeugen, dass die Kreativität für sie eine besondere Kunstfertigkeit darstellt, die eins der höchsten Güter menschlichen Geistes hervorgebracht hat. Die ist ein Genuß, der sich ebenfalls in der Musik und in den immer nicht enden wollenden Variationen wiederfindet. Es ist das höchste Glücksgefühl das die Seele und das Das~in in seiner eIesamtheit anspricht. Sagte nicht eines Tages Walter Bater (???): "Alle Künste streben nach Musikalität". Die Dynamik der Form fmdet ihren Ursprung im der Hülle der Form, der Farben, Geheimnisse und Zusammenfügungen, die der Kunstkritiker entschlüsseln muß, so wie er es bei den verschiedensten Instrumenten der Deutung und des Eintauchens in fremde Materien gelernt hat; wohlwissend, dass er sich einer mächtigen Kraft und schöpferischen Tiefe ausgesetzt hat. Sein Kenntnisstand und Sachverstand werden seine ständigen Begleiter sein, die in der Lage sein werden, eine Verbindung zwischen dem Alten und Neuen, zwischen dem Symbol, der Empfindung und ~er Erkenntnis herzustellen ... Es ist daher erforderlich, die Künstlerin Bairou näher kennenzulernen, um besser ihre persönliche, künstlerische Erfahrung verstehen zu können, welche symbolisch für das Land Marokko steht (und dies beschränkt sich ja nicht nur auf Essaouira). Ihre Arbeiten lassen sich nicht unter irgendeine hochtrabende und umständlich formulierte Rubrik pressen, die man in jeden beliebigen und vom Kommerz dominierten Sälen und in zweifelhaften Kunsthallen wiederfindet. Sie verkörpert eine mit ihrem Namen verbundene Dynamik außerhalb Marokkos. Ihr Kunstverständnis wird von der Kreativität geleitet und findet seine Berufung außerhalb der stahlharten Formen und beliegenden Parolen. Ihre Arbeit zeugen von höchstem Kunstverstand, so wie es der Fall bei Brokastuss (???) der Fall gewesen ist...

Das Leben orientiert sich an der Kunst

Meine Begegnung mit Saida Bairou, mit der ich Vieles teile, den geographischen Raum, die Geschichte, die gemeinsame Kultur, wandelte sich schnell in einen Ausdruck der Bewunderung um; ich bewundere ihre künstlerische Begabung und ihre äußerst kreativen Bilder, in denen der internationale Anspruch zur gelebten Realität wird (weit weg vom kleinmütigen und beschränkten, lokalen Kunstverständnis)... Ihre Bilder lassen deutlich einen Mehrwert erkennen, so dass die kritische Auseinandersetzung die Züge eines Eroberungszuges und einer Entdeckung annehmen; wohlwissend, dass es nicht möglich ist, etwas zu erobern, wenn man selbst kein Angreifer sein will. Sie ist eine Künstlerin, die ihr großes Talent und ihr Erirmerungsvermögen einzusetzen weiß, ohne dabei prätentiösen Gedanken nachzuhängen. Sie trägt ebenfalls dazu bei, in aller Bescheidenheit die Sprache der bildenden Kunst und den Blick auf die Außenwelt zu erneuern, indem sie das Bewusstsein für die Schulung des Optischen schärft. Sie ist sich der Verantwortung von Kunstschaffenden bewusst, auf welche der vielsagende Satz des großen Schriftstellers Chili (???) zutrifft: ,.die Prophezeiung der Inspiration, die sich der Wahrnehmung verschließt, und die unheimlichen Schatten, die die Zukunft auf die Gegenwart wirft. sind die wahren Gesetzeshüter dieser Welt. selbst wenn man keine Notiz von ihnen nimmt".

Die Künstlerin verfügt über eine hoch entwickelte Kunstwelt, welche mit wohlklingenden, magischen Worten, Symbolen und Zeichen durchsetzt ist. Ihr Kunstverständnis zeugt von einer großen Empfindsamkeit, die die Kunst als eine Füllung an Erfahrungen während eines

Lebenslaufes und der gelebten Existenz darstellt; vor allem, wenn man weiß, dass die Künstlerin Bairou zu jenen marokkanischen Malerinnen gehört, die nicht außerhalb der Gesellschaft lebt; denn sie lebt in der Tat nach dem Wort Oskar Wildes: "Das Leben orientiert sich an der Kunst, und nicht umgekehrt".

Die unabhängige Existenz

 

Bairou sagt hinsichtlich der bildenden Kunst: "Die bildenden Künste stellten eine immerwährende Summe yon Arbeitsergebnissen und ein Abschluß für die verschiedensten Erfahrungen dar, wobei diese nicht nuhechnischer Natur sind, sondern auch kultureller, geschichtlicher und ästhetischer Natur. Man kann diese Art der Kunst mit der Suche nach Freiheit vergleichen, die sich in den jeweiligen Arbeiten, sprich Farben, Formen und allen Bestandteilen dieser "Formgebung" ausdrückt. Diese Bestandteile scheinen sich voneinander zu lösen, um Platz für die stetige Bewegung zu lassen, damit das Kunstwerk die ihm angestammte Formgebung wiederfindet, die quantitativ mit der Beschaffenheit, dem Gleichgewicht und einer existenz immanenten Unabhängigkeit harmonisch zusammengeht. Diese künstlerische Formgebung schafft sich selbst ihre eigene Sphäre, ihre Zeit und ihren Raum. Sie ist jene Erfahrung, die in engstem Zusammenhang mit der Freiheit steht und welcher jeglichen Unentgeltlichkeit abhold ist. Es handelt sich in diesem Zusammenhang um jene "Kraft", die symbolhaften Charakter und ihrer Beschaffenheit nach angeboren zu schein scheint, vielleicht beides zusammen; jene Kraft also, die sich immerwährend und ohne Unterlass entwickelt und in der Selbstsuche mündet, die in starkem Maße mit der tiefen Seele eines Menschen und der Ausdrucksfähigkeit hinsichtlich des wahren, gemeinsamen und festen "Kerns" zusammenhängt. Aufgrund dieser Tatsache ist es mir nicht möglich, meine Erfahrung von jener der Kunst auszusondern, die mit meiner menschlichen, persönlichen, kulturellen und geschichtlichen Erfahrung zusammenhängt".

Für diese kreative Künstlerin trifft die Feststellung des Wissenschaftlers Ahmed Harouz vorzüglich zu, indem er sagte, dass sie uns einen wunderbaren Traum anbietet, der uns in jene Lage versetzt, die inneren Bilder und märchenhaften Pfade wahrzunehmen, welche uns befähigen werden, eine Reise in die Existenz anzutreten, die von der Tiefe des Herzens getragen wird. Denn die Tradition, die mit der Geschichte zusammenhängt und welche für den Werdegang eines Einzeln notwendig ist, gründen auf Symbolik, Zeichen, Dingen, Farben und einer Individualität in der Ausdrucksform, die geschichtlich gesehen im afrikanischen, arabischen und islamischen Raum vorzufinden ist; eine Ausdrucksform also, die sich um den Pluralismus und den Lebenssinn rankt.

Von Abdellah Cheikh*

Übersetzer: Dr. Mourad Alami